Leseprobe aus dem Jugendroman "Dämonen küssen verboten" dem Kapitel "Zurück zu den Wurzeln"

 

Während er also in Ventry zum Einkaufen war, würde ich mich auf den Weg in die Bibliothek machen, denn auch hier in Blasket Castle gab es eine interessante Sammlung an altertümlichen Büchern und Handschriften, die Niall in früheren Zeiten zusammengetragen hatte. Ich verließ das Schlafzimmer und strich den langen Korridor entlang, um die Klinke einer schweren geschnitzten Eichentür, die mir den Weg in Nialls Reich eröffnen sollte, herunterzudrücken. Nachdem ich eingetreten war, suchte ich in den Regalen, die bis zur Decke aufragten, nach einer geeigneten Lektüre. Dabei fiel mein Blick auf ein Geheimfach. Ohne Umschweife öffnete ich es. Zum Vorschein kamen mehrere Fläschchen. Sie mussten bereits sehr alt sein, erinnerten sie mich doch an alte Apothekenbehälter. Die Etiketten waren in geschwungener lateinischer Handschrift beschriftet und auf die Fläschchen geklebt worden. Die Schrift war inzwischen jedoch verblasst, und ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, was einst darauf geschrieben worden war. Vorsichtig öffnete ich den Korken eines Fläschchens, und ein übler Geruch stieg mir in die Nase, sodass ich das Gefäß sofort wieder verschloss. Igitt! War das eklig, dachte ich. Was war das bloß? Gift? Und wenn ja, wofür? Da schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf. Trahern hatte einmal davon gesprochen, dass es auch für jemanden wie ihn ein Ende geben könne. War das hierfür die Lösung? Ein abscheulicher Gedanke. Rasch stellte ich das Fläschchen wieder an seinen angestammten Platz zurück und verschloss das Geheimfach. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, welche Gedanken Trahern vielleicht in seiner Einsamkeit hegte, bevor er mich aus dem Meer gerettet hatte. Die Andeutungen, die er mir gegenüber einmal in meinem Urgroßelternhaus gemacht hatte, waren ziemlich klar gewesen. Die Einsamkeit hier in Blasket Castle musste ihn fast um den Verstand gebracht haben. Mein Blick schweifte zu dem Regal mit den Neuausgaben des letzten Jahrzehnts. Ein hellblauer Einband fiel mir ganz besonders auf. Langsam zog ich das Buch aus dem Regal. Es war eine Biografie eines Bewohners von Blasket Island. Gespannt las ich die Rückseite des Buches. Es klang überaus interessant. Ganz in Gedanken versunken, ließ ich mich in einen der bequemen Lehnstühle sinken und begann, die erste Seite zu lesen. Der Inhalt war anschaulich, informativ und fesselnd zugleich. Immer mehr tauchte ich in die Geschichte der Insel und der längst vergangenen Zeit ein. Genau diese Art von Erzählungen hatte ich mir früher von Granny gewünscht. Tante Megan war die Einzige, die mir in ihren Briefen die rauen Lebensbedingungen und den Alltag auf Blasket Island beschrieben hatte. Diese Schilderung stellte jedoch alles, was ich bisher gehört hatte, in den Schatten. Der Autor erzählte von seiner harten Kindheit um 1900 auf Blasket Island, der stark umtosten Insel, die oft durch die stürmische See tagelang vom Festland abgeschnitten war. Vom Fischfang, dem Curragh, von der Kaninchen- und der
Vogeljagd, dem Sammeln der Seevogeleier in schwindelerregenden Höhen, dem Torfstechen und dem Treibgut, das der stürmische Ozean an den weißen Strand anschwemmte. Ich war dermaßen vertieft in die Geschichte dieses Inselbewohners, dass ich Trahern erst gar nicht zurückkehren hörte. Geduldig musste er schon minutenlang im Türrahmen gestanden haben, denn gegenwärtig lächelte er mich verklärt an.
„Du liest die Lebensgeschichte eines unserer Bewohner von Blasket Island?“, ließ er erstaunt hören.
Völlig benebelt sah ich zu ihm empor, er hatte mich wieder in die Gegenwart zurückgeholt, so sehr hatte ich mich durch diese Lektüre in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt.
„Es ist überaus faszinierend! Granny hat mir nie etwas aus ihrem Leben hier auf Blasket Island erzählt. Von Tante Megan kenne ich auch nur vereinzelte Geschichten, die sie mir im Laufe der Zeit anvertraut hat.“
Gelassen setzte Trahern sich in den anderen Lehnstuhl, dabei schweifte sein Blick kurz zu dem Regal, in welches das Geheimfach eingebaut war. Hatte er, während er in Ventry war, meine Gefühle abgetastet? Was wusste er?